Zur Feier des Jubiläums besucht Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster zusammen mit einer Delegation des Gemeinderats vom 15. bis 19. April die Partnerstadt. Zur Delegation gehören auch Vertreter des Hegel-Gymnasiums, des Deutsch-Amerikanischen Zentrums Stuttgart und der Jugendhaus Gesellschaft. Der Gegenbesuch von
Dr. Schusters Amtskollegen Francis G. Slay in Stuttgart ist für den 5. bis 9. Mai geplant.
„Die Vielfalt der Angebote und das große Engagement der Menschen auf beiden Seiten des Atlantiks sind zwei wesentliche Säulen dieser Freundschaft und Garanten für ihre Lebendigkeit, sei es bei der Bildung, der Jugend, beim Sport, der Kultur, bei der Umwelt oder bei der wirtschaftlichen Zusammenarbeit“, so Oberbürgermeister Wolfgang Schuster. „Die Nachhaltigkeit und das herzliche Miteinander geben mir die Zuversicht, dass von diesem Jubiläumsjahr zahlreiche neue und anregende Impulse für die weitere Kooperation ausgehen werden.“
Wie intensiv und fruchtbar der Austausch zwischen den beiden Städten ist, zeigt der enge Zeitplan des Delegationsbesuchs. Er sieht viele Treffen und Besuche in den unterschiedlichsten Einrichtungen vor. Beim offiziellen Festakt der Partnerschaftsfeier am 16. April im Missouri History Museum wird auch Bürgermeister Slay dabei sein. Außerdem stehen Begegnungen mit dem deutschen Honorarkonsul und dem Präsidium der „St. Louis – Stuttgart Sister Cities Inc.“ auf dem Programm. Im Rahmen des deutsch-amerikanischen Kommunalabkommens wird an einer Zusammenarbeit beim Klimaschutz gearbeitet.
Themen der Städtepartnerschaft Stuttgart – St. Louis
Wirtschaft
Seit den 1990er-Jahren werden Wirtschaftsthemen in der Beziehung der beiden Städte immer wichtiger. Sie bilden einen Schwerpunkt des Treffens, wie Besichtigungen des Flugzeugherstellers Boeing (dem größten Arbeitgeber in
St. Louis County), des Kemp Auto Museums Chesterfield (dem größten
Mercedes-Museum außerhalb Stuttgarts) sowie Besuche im World Trade Center
St. Louis und beim St. Louis County Economic Council. Die Mississippi-Metropole ist ein Finanzzentrum. Neben einer Vielzahl an Banken hat die Stadt ein eigenes World Trade Center, das den internationalen Handel fördern soll. Bei einem vom World Trade Center organisierten Essen hält Oberbürgermeister Dr. Schuster vor Vertretern aus Wirtschaft und Politik einen Vortrag zum Thema „Stuttgart – the creative Motor of Germany“ mit anschließender Diskussion.
Weitere Industriezweige sind die Metallerzeugung und -verarbeitung, Elektronik, Automobil- und Flugzeugbau, Raumfahrt-Technik sowie der Handel mit landwirtschaftlichen Gütern. Einer der bekanntesten Wirtschaftszweige von St. Louis ist das Brauereiwesen. Die deutschen Siedler Eberhard Anheuser und Adolphus Busch gründeten hier 1870 die weltberühmte große Brauerei Anheuser-Busch mit der Marke „Budweiser“. Nicht von ungefähr bezeichnet die Tourismusinformation von
St. Louis die Stadt als „Home of American Brewing“.
Mit der Eröffnung der Schlafly-Brauerei im Jahr 1991 wurde das Brauereiwesen der Stadt weiter gestärkt. Sie ist Schauplatz eines weiteren Treffens mit Wirtschaftsvertretern. Zusammen mit der Stuttgarter Calwer Eck-Bräu Brauerei haben die amerikanischen Braumeister als Jubiläums-Bier das „Dry Hop Maerzen“ entwickelt, das ab 12. April auch in der Landeshauptstadt ausgeschenkt wird und in den Handel kommt.
Schule, Bildung, Wissenschaft
Viele Kontakte zwischen den beiden Städten bestehen in den Bereichen Jugend, Schule, Bildung und Wissenschaft, was sich auch im Programm der Delegation widerspiegelt. An der University of Missouri – St. Louis wird Dr. Schuster einen Vortrag über die Herausforderungen für Städte in einer globalisierten Welt halten. Die Stadträte besuchen unter anderem die John Burroughs School, die Partnerschule des Ferdinand-Porsche-Gymnasiums ist. Im April hält sich auch eine Schülergruppe des Geschwister-Scholl-Gymnasiums an der Partnerschule Lindbergh High School auf. Eine dritte Schulpartnerschaft besteht zwischen dem Hegel-Gymnasium und der Parkway South High School. Seit über 20 Jahren findet zwischen den Schulen ein Schüleraustausch statt. Die ersten Schüler aus St. Louis kamen bereits 1967 nach Stuttgart.
Die private und gemeinnützige German School Association of Greater St. Louis, die ebenfalls besucht wird, bietet seit 45 Jahren Kurse an, um deutsche Sprache und Kultur zu fördern.
Ein Treffen gibt es auch mit jugendlichen Teilnehmern des „One World Youth Projects“, dessen Partner die Jugendhaus-Gesellschaft ist. Darüber hinaus sollen Kontakte zwischen den St. Louis Scouts und dem Stadtjugendring aufgebaut werden. Sechs Hochschulstudenten vertraten St. Louis beim Unesco World Youth Festival 2009 in Stuttgart und diskutierten mit anderen Teilnehmern über Klimawandel und künftige Energieformen.
Ein anderer Besuch gilt dem non-profit-Jugendzentrum „The Bridge“: Jim und Debbie Matush verloren im Jahr 2000 einen Sohn durch einen Kletterunfall. Zu seinen Ehren bauten sie das Jugendzentrum auf und eröffneten es 2006. Auf dem Programm steht auch eine Visite beim Imani Family Center, dessen Partner das Eltern-Kind-Zentrum in Stuttgart-West ist.
St. Louis hat wie Stuttgart ein Bildungsnetzwerk aus drei Universitäten aufgebaut, die insbesondere Technologiebetriebe anziehen. Kooperationsverträge und Austauschprogramme bestehen seit 1982 zwischen der Universität Stuttgart und der Washington University St. Louis und seit 1994 zwischen Hohenheim und der University of St. Louis. Die Webster University St. Louis wiederum unterhält regen Austausch mit den Berufsakademien Stuttgart, Heidenheim und
Villingen-Schwenningen. Der erste Stuttgarter Student ging übrigens bereits 1960 für ein Jahr nach St. Louis.
Vierzig Jahre später nutzten Studenten der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung Stuttgart die ersten Praktika bei der Stadtverwaltung St. Louis. Darüber hinaus erwies sich die Zusammenarbeit zwischen Stuttgarter Krankenhäusern und der Washington University Medical School als fruchtbar. Neben dem Stuttgarter Klinikum, das seit mehreren Jahren Kontakte zur School of Medicine hat, ist nun auch die Stuttgarter Sana Herzchirurgie Partner der School of Medicine, welche die Delegation ebenfalls besichtigt. Die Washington University ist eine private Universität, die unter den Top 20 der USA rangiert. Ein Arzt der Sana Herzchirurgie Stuttgart wird ab Juli für ein Jahr im Team von Professor Ralph Damiano in der Herzchirugie der dortigen School of Medicine mitarbeiten.
Zeitgleich mit der Stuttgarter Delegation hält sich Dr. Wolfgang Holtkamp vom Institut für Literaturwissenschaft/Amerikanistik 1 der Universität Stuttgart an der der University of Missouri auf, um ein Projekt zwischen den beiden Hochschulen auf den Weg zu bringen.
Sport
Im Hinblick auf die Baseball-EM im Juli in Bad Cannstatt ist ein sportlicher Termin der Delegation von Bedeutung: Die Gastgeber wollen der Delegation die diesseits des Atlantiks eher unbekannte Sportart näher bringen. Die Partner aus St. Louis sind dabei berufene Lehrmeister: Die St. Louis Cardinals spielen in der Major League und sind mit zehn Meistertiteln das zweiterfolgreichste Team der höchsten Spielklasse der USA. Als Anschauungsbeispiel besucht die Delegation ein Spiel der Cardinals gegen die New York Mets.
Die sportlichen Beziehungen sind auf einen langen Atem ausgelegt. Während Stuttgarter Läufer regelmäßig am St. Louis Marathon teilnehmen, sorgen amerikanische Läufer beim Stuttgarter Zeitung-Lauf für gute Platzierungen.
Aus dem Sportbereich stammt auch eine nette Anekdote der Städtepartnerschaft. Der damalige Stuttgarter Oberbürgermeister Manfred Rommel wettete 1984 mit seinem amerikanischen Amtskollegen Vincent C. Schoemehl um den Ausgang des Fußball-Freundschaftsspiels zwischen dem VfB Stuttgart und der US-Olympia-Auswahl um eine Kiste Budweiser beziehungsweise Stuttgarter Bier. Der VfB gewann, und das Budweiser wurde vom Missouri an den Neckar geliefert.
Kultur
St. Louis und Stuttgart haben seit jeher einen starken kulturellen Austausch. Das „German Strassenfest“ ist eine etablierte Veranstaltung in St. Louis und hatte schon 1974 einen Stuttgarter Weinstand, der Winterball erfreut sich genauso großer Beliebtheit. Bis in die 1970er-Jahre reichen regelmäßige Kunstausstellungen, Chorbesuche und Fotoausstellungen zurück. Die Stuttgarter Jubiläums-Delegation wird an der University of Missouri eine Ausstellung des Stuttgarter Fotoclubs eröffnen und sich mit Vertretern des Deutsch-Amerikanischen Kulturvereins austauschen.
St. Louis hat einen weltweit guten Ruf als Blues- und Jazz-Hochburg. Bands vom Missouri spielten schon beim Sommerfest am Neckar und umgekehrt. Das Stuttgarter Ballett tanzte zweimal in der Partnerstadt, das Stuttgarter Kammerorchester gastierte bereits dreimal erfolgreich dort. Der St. Louis Chamber Chorus nahm am Internationalen Chorfestival in Stuttgart teil, und der Gründer der Internationalen Bachakademie Stuttgart, Helmuth Rilling, dirigierte das St. Louis Symphony Orchestra. Anlässlich des Jubiläums musiziert das Instrumentalensemble „Concertino Stuttgart“ auch in 2010 wieder in beiden Städten.
Entstehung der Städtepartnerschaft Stuttgart – St. Louis
Die Städtepartnerschaft zwischen Stuttgart und St. Louis ist auf natürliche Weise gewachsen und aus einer privaten Initiative hervorgegangen. Sie ist eine der ersten zwölf Partnerschaften von Städten überhaupt zwischen den USA und Deutschland. Die Stadt am Mississippi ist mit 7493,5 Kilometern die am weitesten entfernte Partnerstadt Stuttgarts.
Die Partnerschaft geht zum einen auf einen Besuch von Raymond R. Tucker, dem damaligen Bürgermeister von St. Louis im Jahr 1955, sowie auf eine Initiative von Sozialarbeitern der Stadt Stuttgart zurück, die 1959 eine Informationsreise in die USA machten. Dort kam es zu zahlreichen fachlichen und privaten Kontakten. Allmählich ist daraus eine enge Partnerschaft erwachsen, zumal in St. Louis immer noch viele Deutschstämmige leben, die sich für Kontakte mit der „alten Heimat“ interessieren.
Als offizielles Datum des Beginns der Städtepartnerschaft mit St. Louis wird der
11. März 1960 angesehen. An diesem Tag kam in Stuttgart ein Komitee zur konstituierenden Sitzung zusammen, als Komplementär zu dem bereits im Sommer 1959 in St. Louis gegründeten „St. Louis-Stuttgart Sister-Cities Committee“ (SLSSC). Die SLSSC entstand aus dem „Sister Cities“-Programm, das Präsident Eisenhower 1956 ins Leben gerufen hatte. Ziele waren die Völkerverständigung, der Kulturaustausch, die Wahrung des Friedens und der wirtschaftliche Fortschritt. Die beiden Städte lebten übrigens jahrzehntelang sozusagen in „wilder Ehe“. Denn wie in den frühen Jahren der Städtepartnerschaften üblich, gab es kein Abkommen und keine schriftliche Fixierung – die Freundschaft wurde einfach gelebt. Erst zum
40-jährigen Jubiläum der Partnerschaft im Jahr 2000 unterzeichneten Oberbürgermeister Dr. Wolfgang Schuster und Mayor Clarence Harmon die Partnerschaftsurkunde und besiegelten die Partnerschaft offiziell.
St. Louis
St. Louis ist die größte Stadt im US-Bundesstaat Missouri und liegt östlich an der Grenze zu Illinois. Die City of St. Louis hat heute 350 000 Einwohner, die Metropolregion 2,8 Millionen. St. Louis ist ein Verkehrsknotenpunkt. Hier, an der berühmten ehemaligen Route 66, kreuzen sich mehrere Autobahnen und Eisenbahnlinien. Außerdem verfügt die Stadt über einen internationalen Flughafen. Die Metropole ist die größte Stadt des Staates Missouri mit vielen Firmensitzen der Luft- und Raumfahrtindustrie, des Automobilbaus, Finanzwesens und der Elektronik sowie mit mehreren Universitäten.
Wo sich die Flüsse Missouri und Mississippi treffen, gründeten französische Pelzhändler die Stadt 1764 als Handelsstützpunkt. Sie wurde nach dem französischen König Louis IX. benannt und befand sich 40 Jahre unter französischer und spanischer Kontrolle. Erst mit dem „Louisiana Purchase“ im Jahr 1804, mit dem die USA über zwei Millionen Quadratkilometer Land von Frankreich kauften, ging die Stadt zusammen mit der ehemaligen Kolonie Louisiana für 15 Millionen Dollar an die Vereinigten Staaten über.
St. Louis war der Ausgangspunkt für die große Expedition von Clark und Lewis von 1804 bis 1806, die im Auftrag Präsident Jeffersons den amerikanischen Westen entlang des Missouri erkundeten. Später wurde die Stadt zum Ausgangspunkt für viele Siedlertrecks nach Westen. Bald nannte man die Stadt deshalb „Gateway to the West“ – die Pforte zum Westen. Seit 1967 erinnert das Wahrzeichen von St. Louis, der „Gateway Arch“, an die mutigen Männer und Frauen, die einstmals mit ihren Trecks loszogen. Der 192 Meter hohe, begehbare Bogen ist Teil des „Jefferson National Expansion Memorial“ („Gedenkstelle zur nationalen Erweiterung durch Jefferson“). Unter dem riesigen Bogen wachsen heute Stuttgarter Lindenbäume, die die Landeshauptstadt beim „Strassenfest“ 1972 ihrer Sister City schenkte.
Im 19. Jahrhundert bildete die Stadt einen Schwerpunkt der Einwanderung aus Deutschland. Im Jahr 1860 waren von 170 000 Einwohnern rund 60 000 deutsche Siedler, mehr als ein Drittel. Noch heute ist ihr Einfluss zu spüren. Viele Schulen sind nach deutschen Literaten benannt, und am Memorial Plaza steht seit 1898 eine detailgetreue Nachbildung des Marbacher Schiller-Denkmals, gestiftet vom Braumeister Charles Stifel. Heute stellen die Afroamerikaner die Mehrheit der Bewohner.


